Über das Online-Projekt „Heiner Monroe“

                                                           Von huberta fichte

Zweifellos – Auf den ersten Blick gibt es keinen Grund für eine überdurchschnittlich lange Verweildauer auf den elektronischen Seiten eines Blogs mit dem Namen „Heiner Monroe“, der sich nur bedingt von den Logbüchern einer in den letzten Jahren ins Endlose angewachsenen Blogosphäre unterscheidet. Gerade dieser Umstand ist es jedoch, der „Heiner Monroe“ auf den zweiten Blick interessant macht: Als Dokumentationsmedium für eine durch den DAAD mitfinanzierte Studienreise nach Deutschland im April 2012 unter Mithilfe von Viktor Nübel eingerichtet, wuchs „Heiner“ in der Zwischenzeit weit über seine ursprüngliche Funktion hinaus. Er ist nicht länger nur Sammelbecken für Berichte und Eindrücke von einer Reise, sondern Fotoblog, Austauschmedium und interaktive Plattform für Mitreisende und solche, die das Projekt aus der Ferne unterstützten. Das ist nicht nur auf das Eigenleben zurückzuführen, das Tagebücher entwickeln, sobald man sie ins Netz stellt; zurückzuführen ist es ebenso auf eine Benennung, die eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit ist und allein schon deshalb zur Hervorbringung seltsamer Hybride führen musste.

„Heiner Monroe“ ist ein merkwürdiges Kind zweier Widersprüche. Es ist unwahr-scheinlich, dass dieser Name einem verschollenen Sohn von Marylin Monroe gehört, da dies entweder die nachträgliche Erkauftheit des Nachnamens oder aber die Übertragbarkeit des Familiennamens in matrilinearer Abfolge voraussetzte. Ebenso wenig weist „Heiner Monroe“ eine durch die Vornamensgleichheit nahe gelegte Ähnlichkeit mit dem DDR-Dramatiker Heiner Müller auf. Als illegitimer Abkömmling einer Begegnung, die von Angesicht zu Angesicht niemals stattgefunden hat, entstand „Heiner Monroe“ in vitro, also im Netz. Außerhalb der Sphäre medialer Vermittlung – es ist jener Ort, an dem Kopfgeburten derzeit am besten aufgehoben sind – wären die ungleichen Eltern aufgrund von unüberbrückbaren Gegensätzen einander selbst dann nicht begegnet, wenn sie dieselbe politische Hemisphäre im Geiste geteilt hätten. Heiner ist folglich eine Ausgeburt der Phantasie.

These und Antithese synthetisieren einander ohne äußeres Zutun nur sehr selten. Geschieht dies dennoch, dann war nicht fauler Zauber, sondern ein/e DialektikerIn am Werk. Die materielle Reproduktion ist bekanntlich nicht das Métier einer derartigen, dem Vergessen heute nahezu anheim gefallenen Vermittlerfigur. Glaubt man dem durch intellektuell unauffällige Berufe zu Lebzeiten gut getarnten DDR-Schriftsteller Uwe Kolbe, dann haben DialektikerInnen gegen die Zeitweiligkeit eines Orgasmus, der infolge der unvorhersehbaren Kopula von aneinandergereihten Nomen entsteht, dennoch nichts einzuwenden. In einem Anagramm, das in konsequenter Fortsetzung aller von Kolbe zum Zweck der Umgehung der Zensur gelegten falschen Fährten mit „Kern meines Romans“ benannt wurde, heißt es:

„Eure Massen sind elend

Euren Forderungen genügen Schleimer

Eure ehmals blutige Fahne bläht sich träge zum Bauch

Eurem Heldentum, den Opfern

Widme ich einen Orgasmus

Euch mächtige Greise

Zerfetze die tägliche Revolution“[1]

Eine aufgeblähte Fahne trägt nur selten die Früchte eines Leibes. Deshalb ist Monroe ebenso wenig mit Müller verwandt wie Müller mit Monroe. Die fiktive Genealogie es vorliegenden Blogs kennt keine prominenten Vorfahren. Ein derartiges Erbe wäre zu schwer zu (er)tragen, um die ersten Schreibversuche der Germanistik-AbsolventInnen der Debreceni Egyetem nicht bereits im Vorfeld zu ersticken. Man muss also von Glück sprechen, dass diese vor Beginn der Reise nicht wussten, wessen Geistes Kind „Heiner Monroe“ sein sollte. Nur vage erinnerten sich einige an eine Einflüsterung des im September 1989 in die DDR emigrierten Schriftstellers Ronald M. Schernikau in einem meiner Literatur-Seminare. In Schernikaus 1984 entstandenem Text mit dem Titel „Die Wahrheit ist westlich“ heisst es in obligater Kleinschreibung:

„nochmal: ich glaube nicht, daß man recht haben muß. heiner müller hat mehr recht als marylin monroe. er nörgelt mehr. sicher, er weiß auch mehr (worum ich ihn beneide). aber heißt das, die leute haben unrecht damit, monroe zu verehren?“[3]

Beantwortet haben die Studierenden Schernikaus Frage, bei der sie prompt aufhorchten, vorerst mit dem Zeichenstift. Obgleich ihnen während der Lektüre die Pikaro-Romane einer Morgner ebenso unbekannt waren wie der Sermon einer bunten Illustrierten namens Stern, schienen sie Schernikaus Anspielungen auf den durch vermeintliche Wahrheits-kriterien legitimierten Schematismus der DDR-Literatur – „das hölzerne von hein“[4] – ebenso intuitiv zu verstehen wie seine Kritik an dem in Geständnisprozederes kulminierenden Betroffenheitskult der Westpresse [5]. Wo Worte vorerst nicht zur Verfügung standen, eigneten die Studierenden sich mittels Übermalung ein Bild an, das auf der letzten Seite des im Berliner Verbrecher Verlag 2009 neu verlegten Textes abgedruckt war. Aus einer Karikatur Heiner Müllers wurde auf diese Weise Marylin Monroe.

Bild 1 – Heiner Müller – Karikatur von Thomas Scholz, in: Schernikau, Ronald M. (2009): Königin im Dreck. Texte zur Zeit, herausgegeben von Thomas Keck, Berlin: Verbrecher Verlag, S. 153.   

 

 

Bild 2 – Heiner Monroe – Übermalung einer Karikatur von Thomas Scholz.

Wenn einer wie Roland M. Schernikau, der zum Zeitpunkt des Verfassens des Textes „Die Wahrheit ist westlich“ noch im Westen lebte, nicht recht haben will, dann tut er das, weil er das Form gewordene Rechthaben, also das Schablonenhafte, das Hölzerne, die gesamte mechanische Gestaltung, vermittels derer sogenannten offiziellen „DDR-Literaturen“ ihre Wahrhaftigkeit testiert wurde, ebenso ablehnte wie die selbstgefällige Exposition von im westlichen Literaturbetrieb so gerne kultivierten Verletztheiten in Spiegel und Stern – „im westen heißt das : betroffen sein“[6]. Im Falschen – also im Westen – wahr zu sprechen heißt dasselbe wie im Wahren – dem Osten – in Morgnerscher Manier zu lügen. Recht hat man stets dann, wenn man im Unrecht – also am Terrain der durch vermeintliche Wahrheiten Verletzten – spricht. Nur dort kann Wahres – also Literatur als Literatur (!) – hervorgebracht werden. Bei Schernikau geschah dies stets ohne Nörgelei und Selbstmitleid:

„ich glaube nicht an literatur, die wahr ist. literatur soll literatur sein. Ist sie es, ist sie wahr. ihre nörgelei soll sie sich sonstwohin tun, in die pfeife.“[7]

Ein Zuviel an Automatismen erzeugt nahezu beiläufig jene Komik, die zum Umschlagen des Gemeinten ins glatte Gegenteil führen kann. Die für die Wahrheit bestimmte Pfeife, die keine ist – „ce n´est pas une pipe“ – ist nicht erst nach Schernikaus Tod infolge der Spätfolgen einer HIV-Infektion im Jahr 1991 nicht einfach nur eine Karikatur eines Bildes von einer Pfeife – oder doch?

Bild 3 – McCloud, Scott ([1994] 2001): Comics richtig lesen. Die unsichtbare Kunst, Hamburg: Carlsen, S. 33.

Diese zum Verbrennen einer spezifischen Form der Wahrheit bestimmte Pfeife wurde vom Zigarrenraucher Heiner Müller ebenso wenig benutzt wie von der narkotikaabhängigen Marylin Monroe. Während die eine auch an der Zwangsläufigkeit einer übersteigert-hyperfemininen Maskerade mitsamt den Drogen, die zu deren Aufrechterhaltung notwendig waren, zugrunde ging, starb der andere als meistgespieltester Dramatiker ,Gesamtdeutschlands’ kurz nach der Wende an Krebs. Schernikau, der sich mit jener Asche begnügen musste, die nach dem Verbrennen starken Tobaks in der Pfeife übrig blieb, hätte die unmögliche Entscheidung zwischen Monroe und Müller gar nicht erst treffen wollen. Obgleich der homosexuelle Kommunist Schernikau – im Gegensatz zur Erich Honecker – zu wissen schien, dass die queere Identifikation mit einer Ikone der amerikanischen Populärkultur nicht im Widerspruch zur begehrenden Aneignung des Gedankengutes eines sozialistischen Dramatikers namens Heiner Müller steht, gab er noch im Westen auf unverschämte Weise zu: „ich weiß, ich sollte es nicht tun. aber wenn ich wählen müsste, würde ich gerne marylin monroe sein.“[8] 

Ronald M. Schernikau – „Schwulsein. Ne Amerkung“, gelesen von Thomas Keck: http://www.schernikau.net/*/multimedia/  

Ich hoffe, dass hiermit klar geworden ist, wohin die reise ging.

Mit herzlichem Dank an

Nikola Richter & Rery Maldonado / „Los Superdemokraticos“

Viktor Nübel / Blog

Hinark Husen & Janoph Antenna / Lesetresen Café Cralle

Wilhelm Pfeistlinger / ÖKF Berlin

Claudia Albert / FU Berlin

Gabriele Jähnert / ZtG Berlin

UnAUf – Team, insbesondere an Gerrit

Urmila Goel & Kathleen Heft / GK Geschlecht als Wissenskategorie & ZtG

Berliner Unterwelten / Team

Thomas Simon / Deutsch-Nordamerikanische Gesellschaft (DENAG)

Irene Kohlmetz / Redaktion Neues  Deutschland                                                                           

Den MitarbeiterInnen, Ehrenamtlichen & HarzerInnen des Hafenmuseums / Museum der Arbeit, Hamburg                                                                                               

Melissa Strumann & Eva Landmann / Aby-Warburg Haus,Hamburg                                     

Wolfgang Kraushaar / Hamburger Institut für Sozialforschung

Reinhart Schwarz, Dieter Schröder & Britta Stamm / Archiv des Hamburger Instituts für Sozialforschung

Sándor Trippó / Debreceni Egyetem

Andrea Horváth / Debreceni Egyetem

barbara eder / Debrecen, am 27.5.2012


[1] Kolbe, Uwe (1982): „Kern meines Romans“, in: Ders. (1998): Renegatentermine. 30 Versuche, die eigene Erfahrung zu behaupten, Frankfurt/Main: Suhrkamp,  S. 185.

[3] Schernikau, Ronald M. ( [1984] 2009): Königin im Dreck. Texte zur Zeit, herausgegeben von Thomas Keck, Berlin: Verbrecher Verlag, S. 151-152. 

[4] Ebd., S. 149.

[5] Folgendes Bekenntnis wird von Schernikau, der zum Zeitpunkt des Verfassens des Textes noch im Westen lebte, als paradigmatisch für die Beliebigkeit der dadurch Repression indirekt fortschreibenden Bekenntnis-Presse angeführt: „der sternleser blättert weiter, wenn uwe, 22, bekennt: oft wünschte ich, ein ganz normales leben führen zu können meine veranlagung lässt dieses leider nicht zu.“ (Schernikau [1984] 2009, S. 150) 

[6] Ebd., S. 150.

[7] Ebd., S. 151.

[8] Ebd., S. 152.

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